von Joachim Zelter nicht kennt, dem rate ich dringend, seine skurrilen, einzigartigen Romane zu lesen.
Beinahe täglich müssen wir unsere Vorstellungen von extravaganten, überragenden Romanen vom inflationären Gebrauch üppig ausgestatteter Superlative, die auf brave, mittelmäßige Literatur verweisen, verwässern lassen. Solange diese Superlative nicht mit Zelters Dichtkunst in Verbindung gebracht werden, macht dieses Verfahren der ständigen Lobpreisungen von sujetbewährten, sprachlich eher dürftig talentierten Texten nur wenig Sinn.
Seine letzten Werke:
„Testamente und sonstige Verfügungen“…ein aberwitziges, sensationelles Kammerspiel über eine Erbangelegenheit…“Im Feld“…ein furioser Rennrad-Anstiegs-Roman, der sehr deutlich macht, dass in Zelters sprachlichen Windschatten kaum jemand mithalten kann…
“Imperia“…ein Schauspieler und eine Professorin in grotesker, aber auch nach Liebe dürstender, einstweiliger Verlorenheit bis zur Schmerzgrenze…
“Die Verabschiebung“…die erschütternde, bürokratisch-sezierte, inhumane Geschichte der Aussichtslosigkeit einer Liebe zwischen dem pakistanischen Flüchtling Faizan und seiner Frau Julia, deren Ehe nicht ausreicht, ein Abschiebeverfahren zu verhindern…
“Professor Lear“…ein ehemaliger Hochschulgelehrter, der im Ruhestand, der im Ruhestand mehr und mehr seinen Verstand verliert, der Copyshopbesitzer Leonid für seinen neuen Verleger hält und sich am Ende seiner Geisteskraft den Blumen und Bäumen im Garten zuwendet…
gehören stilistisch zum Allerfeinsten, was ich im letzten Jahrzehnt in deutscher Sprache gelesen habe.
Ich beneide Zelter um seinen Humor, seinen feinsinnigen Umgang mit Ironie, seine schillernden Dialoge, seine in jedem neuen Buch aufblitzende Sehnsucht und Leidenschaft, was die englische Literatur anbelangt. Er kann unentwegt Sätze von Oscar Wilde und William Shakespeare zitieren. Lassen wir nicht zu, dass er, der die englische Literatur über alles liebt, der sich eher als ein englischer Romancier empfindet, lassen wir seine deutliche Unbekanntheit nicht weiter zu.
Seine etwa 20 Romane und Erzählungen, seine zahlreichen Theaterstücke lassen sich literarisch nicht einfach so wegdiskutieren und ignorieren. Lesen Sie, liebe Leserinnen und Leser, einfach alles von ihm.
Beginnen Sie mit der „Schule der Arbeitslosen“…Machen Sie mit dem „Gesicht“ weiter…usw.usf…
Wer Zelters Dichtkunst nicht kennt, mit dem rede ich nicht mehr. Er wäre für mich, mit seinem Gesamtwerk, auch ohne einen direkten Sachsen-Anhalt-Bezug, der bei dieser Wahl meines Erachtens nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen dürfte, ein würdiger Klopstock-Preisträger.